Mauthausen
GRANIT, Steinbruch „Wienergraben“, Mauthausen, 2026
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Der Tiroler Erwin Gostner schreibt in seinem 1947 im Selbstverlag erschienenen Buch “1000 Tage im KZ” über seine Ankunft im Konzentrationslager Mauthausen am 10. Mai 1939: „Nach eineinhalb Stunden Fußmarsch nähern wir uns dem Lager. Es liegt in einer hügeligen Landschaft, die mich lebhaft an das Tiroler Mittelgebirge erinnert. Kühle Tannenwälder wechseln mit weiten Wiesen ab. In die anmutigen Täler schmiegen sich saubere Bauernhäuser. Es ist ein anheimelndes Bild. Wir biegen in einen Steinbruch ein und hören von den uns begleitenden SS.-Männern, dass dies unser zukünftiger Arbeitsplatz ist. Vorbei an einigen Baubaracken und riesigen Granitblöcken führt der Weg zu einer Stiege, die in steilem Bogen nach oben läuft. Wir steigen über zahlreiche Stufen hinauf, rechts fällt die Wand fast senkrecht ab, von unten blinkt ein See herauf. Wir ahnen nicht, wie berühmt diese Stiege einmal werden soll.“
Blick über den Steinbruch “Wienergraben” Richtung West
“Todesstiege” und Steinbruch “Wienergraben”
Im Dezember des selben Jahres schreibt Gostner: „Ein trauriger Zug von Elendsgestalten verlässt morgens das Lager und steigt zum Steinbruch hinab. Wieder liegt ein Tag der Fronarbeit vor uns, wer wird heute dieser Menschenmühle zum Opfer fallen? Man kann sich den Tag ausrechnen, an dem man selbst dran glauben wird. Denn überstehen wird es keiner, wenn nicht ein Wunder geschieht. Warum also nicht gleich Schluss machen? Verlockend nahe ist die steile Wand, die zum Abgrund führt. Dort unten blinkt ein See, er wird dich aufnehmen, wird dich später mit einer behutsame Welle ans Land spülen. Du spürst nichts mehr, keinen Hunger, keine Schläge; die Furcht wird gebannt sein. Nur Stille wird dich umgeben, die Ruhe des Todes. Es wird Friede sein!“
Der See unterhalb der “Todesstiege”
Die “Todesstiege”, SS-Foto zwischen 1942 und 44
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Als ich an einem Frühsommernachmittag des Jahres 2025 über die Stufen der „Todesstiege“ in den Steinbruch „Wienergraben“ hinabsteige, liegt der Besuch des KZ Mauthausen bereits hinter mir. Es ist brütend heiß und außer mir haben sich nur zwei andere hierher verirrt, die gemeinsam den riesigen Platz zwischen den Felswänden, hin und wieder stehenbleibend, deutend, fotografierend, schweigend abgehen.
Im Steinbruch steht die Luft. Es ist still, kein Vogel singt, kein Rauschen der nahen Bundesstraße dringt nach unten. In den Jahren seit der Befreiung des KZ im Mai 1945 hat sich eine sanfte, grüne Vegetationsdecke über die einstmals kargen Felswände gelegt, nur hier und da lugen zwischen den Blättern die Granitblöcke wie Mahnungen aus einer bösen Zeit hervor.
Die Frage, die sich mir an solchen Plätzen stellt, ist immer die selbe: Was ist, an einem Ort wie diesem, geblieben von den Geschehnissen? Was hat sich hier für alle Zeiten eingeprägt? Nicht als konkretes Relikt, nicht als Überbleibsel, nicht als archäologischer Befund, in die Landschaft eingeschrieben (in diesem Fall etwa Spuren der Felsbearbeitung in den Wänden oder vergessene Haken, an denen Stahlseile festgemacht waren etc.), sondern als unmittelbar erfahrbare Manifestation der Vergangenheit. Die Frage lautet: Ist da noch etwas? Oder mit anderen Worten: Würde man etwas spüren, erkennen, sogar verstehen, selbst wenn man von der Vergangenheit des Ortes nichts wüsste, wenn man nicht gerührt wäre von der (meist aus zweiter Hand erfahrenen, nicht selbst erinnerten und deshalb bloß imaginierten) Last der Geschichte? Es wäre ein zugegeben beinahe transzendentes Erleben, das wohl ins Mystische reicht. (Mystisch in dem Sinne, dass die herkömmliche Wahrnehmung überschritten würde.)
Wenn aber überhaupt etwas bliebe, welches von den abertausenden Ereignissen der Vergangenheit wäre dann das ausschlaggebende, das bedeutendste, das zu fühlende? Die Verbrechen, die sich in den Jahren 1938-1945 hier abspielten, waren, vor allem, wenn man sie in den historischen Gesamtzusammenhang stellt, fraglos die schlimmsten. Aber sind nicht immer, ganz unabhängig vom Ort, die am kürzesten zurückliegenden Verbrechen jene, die am deutlichsten in die Gegenwart strahlen? Was also bleibt von jenen Menschen, die möglicherweise genau hier, in diesem Steinbruch, in dem schon im 17. Jahrhundert Granit abgebaut wurde, durch menschliche Böswilligkeiten umgekommen sind? Was von jenen, die, viel früher noch, zu Beginn des 15. Jahrhunderts, von zerstörungswütigen Hussiten genau hier gemetzelt wurden? Und von jenen, die Opfer der Bauernkriege, des Dreißigjährigen Krieges und der Türkeneinfälle wurden? Was ist mit den Insassen der k. u. k. Kriegsgefangenenlager während des Ersten Weltkriegs, die an diesem Ort zu Tausenden umkamen?
Und ist ein Ort überhaupt auf die Summe der Schmerzen, des Leids, das die Lebenden hier einst erdulden mussten, reduzierbar? Denn wenn sich das Böse an einem Ort einschriebe, dann wohl auch das Gute! (Welches freilich erst zu definieren wäre.) Fest steht, die Geschichte häuft Ereignisse an, alles Geschehene türmt sich auf und alles wirkt, auf die eine oder andere Weise, bis in die Gegenwart. Was genau uns aus der Vergangenheit heute noch erreicht – und auf welchen Wegen – bleibt wohl ungeklärt.
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Erwin Gostner überlebt das KZ – Dachau, Mauthausen, Gusen. Nach zahlreichen Interventionen seiner Mutter, die bis nach Berlin reist, um bei Rudolf Heß vorzusprechen, kommt er 1941, inzwischen schwer magenkrank, frei. Vor der Entlassung wird er gezwungen, ein Schriftstück zu unterzeichnen, das ihn verpflichtet, über alles im Lager Erlebte und Gesehene Stillschweigen zu wahren. Mit den Worten: „Wenn Sie nicht das Maul halten können, dann denken Sie daran, was Ihnen blüht! Ein zweites Mal werden Sie von uns nicht entlassen!“, verabschiedet sich der SS.-Oberscharführer.
Erwin Gostner hat sich glücklicherweise nicht an diese Verpflichtung gehalten und mit seinem Buch “1000 Tage im KZ” mitgeholfen, einen Teil der Vergangenheit in die Gegenwart zu retten. Denn das vom Betroffenen erinnerte und niedergeschriebene Ereignis ist - zwar nicht mystisch, aber umso manifester - der beste Weg, einen Ort zu verstehen.