Poesie
“Da über diese neue Kopflehre, von welcher mit Enthusiasmus gesprochen wird, vielleicht manche ihren eigenen Kopf verlieren dürften, diese Lehre auch auf Materialismus zu führen, mithin gegen die ersten Grundsätze der Religion und Moral zu streiten scheint, so werden Sie diese Privatvorlesungen alsogleich verbieten lassen.”
Das kaiserliche Verdikt, das Franz Joseph Gall wörtlich memorieren konnte, war wie eine Bombe in seinem Leben eingeschlagen und hatte es, so empfand er es zumindest, förmlich in Stücke zerfetzt. Bereits drei Jahre war es her, dass das Verbot seiner Vorlesungen, die er an der Medizinischen Fakultät der Universität Wien mit großem Erfolg gehalten hatte, ihn eines Gutteils seines Einkommens beraubt hatte. Immerhin hatte er erreichen können, dass es ihm gestattet war, im Schädelkabinett seines Hauses vor zahlendem und, wie er immer wieder mit Freude feststellen konnte, staunendem Publikum zu referieren. Dennoch hatte sein Ruf unter dem Lehrverbot empfindlich gelitten und es wurde immer schwieriger, frische Schädel aufzutreiben.
„Gegen die Grundsätze der Moral! Schwachsinn!“, schrie Gall laut auf und musste sich zusammenreissen, nicht mit der Faust auf den Schreibtisch zu donnern. Seine gute Laune war verflogen. „Moral ist keine wissenschaftliche Kategorie!“ Und dann, leise: „Ich bin weder Materialist noch Moralist! Ich bin allein der Wahrheit verpflichtet!“
Aber jetzt war nicht die Zeit, sich düsteren Gedanken hinzugeben. Seine Gäste würden jeden Augenblick hier sein, er musste sich konzentrieren. Alle Beteiligten hatten ihr Ehrenwort gegeben, strengstes Stillschweigen zu wahren. Was auch immer in den nächsten Stunden hier, in diesem Arbeitszimmer, passieren würde, nichts davon durfte nach außen dringen. Franz Joseph Gall hatte höchsten Wert darauf gelegt, die bevorstehende Veranstaltung nicht als Vorlesung zu titulieren, sondern als kleine Demonstration im privaten Rahmen. Alles war vorbereitet. Sein Assistent Spurzheim hatte, wie von Gall angeordnet, die Vorhänge zugezogen und Kerzen entzündet. Die Gipsbüsten, die Gall sämtlich selbst hergestellt hatte, befanden sich in raumhohen Vitrinen, dicht an einander gereiht, und strahlten im flackernden Licht. Ganz vorne, neben verschiedensten spitznasigen, pausbäckigen, hinterlistigen, traurigen und gleichgültigen Gesichtern, standen Galls Lieblingsstücke – drei Mohrenköpfe, „der Missvergnügte“, „der Denker“ und, mit leicht geöffnetem Mund und spitz zugefeilten Schneidezähnen, „der Mann vom Kap der Guten Hoffnung“. Sein ganzer Stolz aber galt den akkurat beschrifteten Totenschädeln. Sie stellten das Herz seiner Arbeit dar, den Kern seiner Erkenntnisse.
Die junge Dame, die Gall eingewilligt hatte zu untersuchen, war sichtlich nervös, als sie Spurzheim und ihrem Vater folgend, ins Zimmer kam.
Graf Borody trat an Gall heran. „Es freut mich, Sie endlich persönlich kennen zu lernen. Man hört ja allerhand von Ihnen.“
„Die Freude ist ganz auf meiner Seite.“
„Meine Tochter, Anne.“ Sie machte einen Knicks und reichte Gall eine ihrer eiskalten, kraftlosen Hände. Sie war nicht älter als vierzehn, schlank, mit einem hübschen Gesichtchen und rosigen Wangen.
Gall lächelte milde. „Entzückend.“
Eine Pause entstand, während Gall das Mädchen musterte. Er hatte gehofft, ein interessanteres Objekt vorgesetzt zu bekommen. Diese Person aber schien ihm gänzlich durchschnittlich zu sein. Weder ihre Kopfform, noch die Gesichtszüge waren außergewöhnlich, wenn man von der ausgesprochenen Lieblichkeit absah, die dieses Wesen ausstrahlte.
„Nun... Wollen wir gleich beginnen?“ Gall wies das Fräulein mit einer Handbewegung an, sich auf den Stuhl zu setzen, den Spurzheim gekonnt zwischen dem Seziertisch und einigen alten Tierpräparaten platziert hatte. Sie leistete, schüchtern lächelnd, Folge.
Gall räusperte sich und begann. „Die Craniologie ist eine Lehre, die der feinsten Sinneswahrnehmungen bedarf.“ Behutsam legte er seine Finger auf das seidig weiche Haar. Er nahm den Geruch frischen Lavendelöls wahr. „Vornehmlich der Tastsinn ist es, der es uns erlaubt, Ausbuchtungen sowie Vertiefungen am menschlichen Cranium festzustellen.“ Gall führte seine Fingerspitzen an die Schläfen des Mädchens. „Und eben diese Ausformungen lassen Rückschlüsse zu, eindeutige Rückschlüsse, auf das jeweils darunter befindliche Hirnareal.“
Spurzheim nickte eifrig, während sich Graf Borodys Augen weiteten.
„Aha. Das Fräulein scheint mir... Spielen Sie ein Instrument?“, fuhr Gall fort.
„Klavier. Seit fünf Jahren.“
„Sehen Sie. Das ist deutlich wahrzunehmen. Ein ausgeprägter Tonsinn.“
Ein kleines Lächeln erschien im Gesicht des Grafen. Galls Hände glitten weiter über den Schädel. Dann hielt er inne. Da war etwas. Oder hatte er sich getäuscht? Er schloss die Augen. Noch einmal tastete er über die Erhebung, die sich deutlich unter der Kopfhaut abzeichnete. Tatsächlich. Er drückte fester, um wirklich sicher zu gehen.
„Au! Sie tun mir weh!“ Das Mädchen schob ihren Kopf zur Seite.
„Verzeihen Sie! Entschuldigen Sie uns einen Augenblick.“ Gall packte Spurzheim am Arm und zog ihn ins Nebenzimmer. Er war völlig außer sich. „Ich spüre etwas.“
„Was ist es? Eitelkeit?“
„Hochmut, ja, aber das meine ich nicht.“
„Was ist es dann?“
Gall umfasste Spurzheims Schultern und sah ihm in die Augen. Er flüsterte. „Einen Tötungssinn, der seinesgleichen sucht.“
Spurzheim wandte sich zur Tür, um zu sehen, ob er sie auch wirklich fest geschlossen hatte. “Dieses Kind?“
„Eines kaltherzigen Mörders würdig. Ich habe so etwas noch nie erlebt“, antwortet Gall.
„Was haben Sie vor zu tun?“
„Ich muss es dem Grafen mitteilen.“
„Er würde Ihnen niemals glauben!“, warf Spurzheim ein.
Galls Stimme verdeutlichte seine Entschlossenheit. „Und doch sind wir der Wahrheit verpflichtet.“
„Aber Ihr Ruf könnte weiteren Schaden nehmen“, zischte Spurzheim.
Gall setzte sich. Er musste nachdenken. Spurzheim eilte zur Tür, legte sein Ohr an das Blatt und versuchte etwas zu hören. Draußen war alles still.
Endlich atmete Gall tief durch, stand auf und straffte seinen Kragen. „Ich werde die Sache beenden. Kommen Sie, Johann.“
Er schob Spurzheim zur Seite und betrat wieder das Arbeitszimmer, wo Graf Borody und seine Tochter bereits ein wenig ungeduldig warteten.
*
„Ist alles in Ordnung, Herr Doktor?“ Der Tonfall in Graf Borodys Stimme verriet eine gewisse Unsicherheit, aber auch seinen Unmut. Er hatte immerhin minutenlang mit seiner Tochter in dem Zimmer warten müssen, ohne, dass man es für nötig erachtet hätte, ihm mitzuteilen, warum. Das war er nicht gewohnt.
„Danke, es geht mir gut“, antwortete Franz Joseph Gall.
„Ich meine bei meiner Tochter. Ist bei ihr alles in Ordnung?“
„Verzeihung. Nun ja...“ Noch bevor Gall weitersprechen konnte, trat Spurzheim einen Schritt vor. „Sie müssen wissen, Herr Graf, ihre Tochter ist ein außergewöhnliches Mädchen. Mit einem außergewöhnlichen Talent. Nicht wahr, Herr Doktor?“
Gall hielt die Luft an.
Spurzheim fuhr fort. „Immer, wenn wir auf eine solch reine Ausformung unverkennbaren Talents stoßen, ziehen wir uns zu einer Besprechung zurück. Um einander zu konsultieren. Um sicher zu gehen. Nicht wahr, Herr Doktor?“
Gall blickte seinen Assistenten böse an. Dann nickte er. „Ja, sicher doch.“
„Eben. Deshalb unsere kurze Abwesenheit“, schloß Spurzheim.
Der Graf sah abwechselnd zu Spurzheim, zu Gall und dann hinab zu seiner Tochter, die, den Blick zu Boden gesenkt und inzwischen leicht errötet, schwieg.
„Talent worin?“ insistierte der Graf. „In der Musik?“
„In der Poesie, Herr Graf!“
Graf Borodys Mund blieb einen Moment lang offen stehen. Dann fasste er sich wieder. „Tatsächlich?“
„Tatsächlich.“ Spurzheim war überzeugend, er strahlte den Grafen geradezu an. „Ein überragendes Talent Poétique!“
Der Graf sah zu Gall. „Ist das so?“ Gall strich sein Haar glatt. „Jaja, der Dichtersinn, deutlich ausgeprägt!“
„Überdeutlich, möchte ich sagen“, wandte Spurzheim ein.
Der Graf zog einen Stuhl heran und setzte sich. „Ein solches Talent ist mir bei ihr nie...“ Er wandte sich seiner Tochter zu. „Ist das wahr?“
„Ich schreibe hin und wieder, Papa.“
„Was schreibst du?“
„Gedichte, Papa.“
„Gedichte? Warum zum...? Macht dir das denn Freude?“
„Ja, Papa.“
„Mehr als die Musik?“
„Ich weiß nicht...“
„Willst du sie vertiefen?“
„Die Musik?“
„Die Poesie, Kind! Die Poesie!“
„Wenn Sie meinen, Papa.“
„Na also.“ Der Graf sprang auf. „Ich werde einen Lehrer bereitstellen. Einen Dichter oder so.“ Für ihn war die Sache erledigt. Er war zufrieden. „Was bin ich schuldig, Herr Doktor?“
Graf Borody zahlte anstandslos die geforderte (und nicht unbeträchtliche) Summe, trug seiner Tochter auf, einen Knicks zu machen, verabschiedete sich selbst mit einem Handschlag und die Tür fiel krachend hinter ihm ins Schloß. In Galls Vorraum trat Ruhe ein. Spurzheim blickte verstohlen in das Gesicht seines Herrn, um zu erkennen, in welcher Laune er sich befand. Er wusste, er war weit gegangen, zu weit vielleicht. Aber Gall schimpfte nicht. Er sah Spurzheim bloß finster an. Tatsächlich überlegte er in diesem Moment, sich von seinem Assistenten, der erst seit wenigen Monaten in seinen Diensten stand, zu trennen. Nie zuvor war ihm ein derart unbotmäßiges Verhalten untergekommen. Nie hatte es jemand gewagt, seine Expertise nicht nur in Frage zu stellen, sondern noch dazu ein falsche Beurteilung in seinem Namen zu verbreiten. Andererseits war er sich dessen bewusst, dass Spurzheim nur hatte helfen wollen. Im Grunde wusste er genau, was er an ihm hatte. Keiner seiner anderen Gehilfen hatte je die selbe Courage aufgebracht, im Labor mit den menschlichen Schädeln zu hantieren. Nicht wenige hatten nach kurzer Dienstzeit entsetzt gekündigt. Sie seien Christenmenschen, und der Leib sei heilig, hatten sie argumentiert, man dürfe sich nicht daran vergehen und so weiter und Gall hatte sie nutzloses Pack und Dummköpfe geheißen. Johann Spurzheim aber war anders. In ihm glühte ein Feuer, ein Wissensdurst, gepaart mit einer akkuraten Verlässlichkeit; Eigenschaften, die bei Franz Joseph Gall auf äußerstes Wohlwollen stießen und die Spurzheim offensichtlich niedrige Gefühle wie Ekel, Furcht oder Mitleid überwinden ließen.
„Alle Mädchen schreiben Gedichte in diesem Alter“, sagte Spurzheim und der Satz klang wie eine Entschuldigung – zumindest versuchte Gall ihn so aufzufassen.
Mir bleibt auch nichts erspart, dachte er, bereits müde und nicht mehr sehr verärgert. „Räumen Sie zusammen. Ich werde noch ein wenig lesen“, sagte er und ging nach oben.